Vor einem Jahr:
Sie sitzt vor ihrem vertrauten Ausblick, schaut aus dem Fenster in einen trüben Februartag und denkt nach über das Neue, was auf sie zukommt, über einen Wohnortwechsel und über Kommunikation. Sie freut sich, ist gleichzeitig traurig, sieht sie doch die so liebgewonnenen Menschen um sie herum, die sie nun freiwillig verlässt, um loszulassen von den raffinierten jungen „Bits-and-Bytes“-Menschen, welche so toll damit umgehen können. Ein neues Produkt heißt es nun für sie nach vorne zu bringen, Werbung für eine tolle Sache.
Ein ganz neuer Lebensabschnitt, vielleicht ja die Insellösung, die sie sucht, irgendwo anzukommen, mitzugestalten auf neuem Terrain, überschaubar zum Teil und jeden Tag Spannung durch unbekannte Herausforderungen.
Fest überzeugt von ihrer Entscheidung, hinauszugehen aus der Sicherheit ihres fröhlichen Teams kann sie es kaum erwarten, die Reise anzutreten.
„Aus was für einem Fenster werde ich dort schauen“, fragt sie sich. „Wie werde ich in einem Jahr um diese Uhrzeit empfinden? Werde ich bereuen müssen, gegangen zu sein?“
Heute:
Sie sitzt vor ihrem damals neuen Fenster und schaut nach draußen, dieses nunmehr ein Jahr alte Fenster mit dem immer noch neuen Ausblick und denkt an ihr altes zurück. Die Fragen von damals vor genau einem Jahr erscheinen in ihren Gedanken.
Müde ist sie, nicht unbedingt traurig aber enttäuscht. So viel Schönes eigentlich um sie herum, aber auch eine nicht erwartete Kälte in ihrem Raum. Im Winter nicht auszuhalten, aber auch nicht im Sommer. Es scheint, dass diese Kälte nicht zu messen ist und nicht wetterbedingt. Ein unsichtbares Eisblau fließt aus dem Flur in ihren Raum. Irgendwo muss der Herd sein, in anderen Räumen hineingetragen wie eine Grippevirus und weiterverbreitet durch Einzelkämpfe, durch nicht ausgesprochene Worte, durch Emotionslosigkeit, durch Krankheit und durch vermeindlich fehlende Zeit. Dadurch entstehen Kommunikationsfehler, Kältefehler vielleicht?
Fest mummelt sie sich in ihre warme Strickjacke: „Ich glaube, so könnte es sich anfühlen, wenn ich alt und in Rente bin, einsam in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung oder in einem Pflegeheim, angewiesen auf die Gnade anderer!“
Tränen laufen ihr gedanklich über die Wangen, sie kann sie spüren, aber äußerlich dürfen sie nicht ihre Schmerzen reinigen,
„Das kommt nachher, wenn ich zu Hause bin. Zu Hause in einer Wohnung, in der ich erst seit kurzem bin, und die ich bald wieder verlassen muss.“
Sie darf zurück zu ihrem alten Fenster mit dem immer noch vertrauten Ausblick. Und wieder fragt sie sich, wie es wohl im nächsten Jahr aussehen wird, aus welchem Fenster wird sie dann schauen? In welcher Wohnung wird sie hin- und herlaufen, welches Badezimmer wird kuschelig warm sein, in welchem Wohnzimmer wird ihre neue schöne weiße Couch stehen, extra angeschafft für ihr neues Nest? Wo wird sie den Sommer verbringen, wo wird im nächsten Jahr der Tannenbaum stehen?
„Zeit zu gehen, erstmal ist dieser Tag geschafft!“ Ihr Mantel gibt Sicherheit und Wärme. Sie schließt ihre immer noch neue Tür ab, die bald eine alte sein wird, eine, durch die sie bald nicht mehr gehen wird. Die Kälte, dass weiß sie, die wird sie nicht mitnehmen.
Deswegen geht sie!
„Morgen sehe ich weiter, morgen weiß ich mehr! Ja, morgen weiß ich wirklich mehr!“
Heide