Teil 2: Rückschau 2011
Nierenzellkarzinom. Auch das noch!
Als ob er einen Grippevirus mitteilen wollte, beugte sich der Arzt über die im Rollstuhl sitzende 85jährige, um ihr mitzuteilen, dass sie den schlimmsten Nierentumor hat, der zu diagnostizieren ist.
Sie musste zu ihm aufsehen und in ihren Augen stand Verwunderung und Angst vor dieser brutalen offenen Art des Arztes.
Nachdem die alte Dame im April 2011 mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus kam und kein Arzt mehr einen Cent für ihre Genesung gab, raffte sie sich nochmals auf und hielt am Leben fest.
„Der Herrgott will mich noch nicht, Kind,“meinte sie Tage später, als ihre Tochter sie wieder ins Heim brachte. Und der Krebs? „Der wächst nicht mehr“, plapperte sie munter drauflos, denn schließlich würde sie ja auch nicht mehr wachsen.
Du hast so recht, Mam!“ Gnädig stimmte die Tochter ihrer Mutter zu und bewunderte gleichzeitig ihre weise Art, mit diesem neuen Supergau fertig zu werden.
Aber vielleicht ist es so, dass auch hier das Alter milde eingreift und das Dramaturgische in dieser Diagnose einfach wegschummelt.
Und Tatsache ist, dass der Tumor im vergangenen halben Jahr wirklich nicht gewachsen ist.
Bleibt abzuwarten, auf welche Art und Weise der Tod an die Tür ihrer Mutter klopft.Fröstelnd zieht sie den Mantelkragen hoch, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen.
Es kann passieren, dass im Jahr 2012 auch der Tod einen neuen Lebensabschnitt einläuten wird, einen ohne ihre Mutter.
Dann wird vieles leichter werden, finanziell und auch in der Lebensqualität, denn die Pflegeheimbesuche zerren langsam aber sicher an ihren Nerven, ziehen sie immer runter, wenn sie vom Besuch wieder zu Hause ist.
Auf diese Zeit danach denkt sie noch nicht, Angst hat sie zunächst vor dem Anruf, der zweifelsohne kommen wird:
„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Mutter heute nacht verstorben ist,“ oder so ähnlich, wird er ausfallen.
Und so wird alles seinen Gang gehen, auch das wird ein Ende haben, auch damit wird sie umgehen können.
Aber noch funktioniert das Telefonieren und auch Silvester wurde wieder gemeinsam gefeiert und angestoßen auf das Jahr 2012.
Und vielleicht kommt doch noch ein 2013, wer weiß das schon.
Heide