Am Tag meines Lebensknalls entstieg ich meinem unbekannten Fluggefängnis, stolperte die Seelentreppe herunter und stand wackelig auf einem mir fremden, aber wunderschönen Planeten namens Erde und setzte meine Lebensflagge mit den Worten: “Ein nicht so wichtiger Schritt für die Menscheit, aber ein großer für Heide!”
Und ich hörte auf zu überleben, zu kämpfen gegen marschierende Sonderkommandos vergangener Jahre, stoppte meine Jagd nach Unerreichbarem und erkannte, dass nicht andere mich verfolgten, sondern ich mich selbst, indem ich die Perfektion und Leistung in den völlig seelenblinden Gehirnen anderer als zu erreichendes Ziel aus meinem eigenen verbannte.
Ich hatte die Chance, zu erkennen, dass die Zeit zu kurz ist, um einfach nur zu überleben, sondern dass es wichtig ist, zu (er)leben, und das jeder Tag, jede Minute und jede Sekunde, die mir geschenkt wird, nie wieder gelebt werden kann. Meine Lebensuhr zählt ständig weiter und verteilt neue Zeitstempel. Die tägliche Arbeit ist somit nie gleich, die freien Stunden nie dasselbe, selbst ein “Ich liebe Dich” ist älter als die Liebe von heute. Auch ein gesunder Schlaf und ein munteres Aufstehen am Morgen, bedeutet nicht, dass ein wohliges Einschlafen am Abend selbstverständlich ist. So viele Unwegsamkeiten liegen dazwischen, Stunden, Minuten, Sekunden, die wir so schnell als immer wiederkehrend empfinden, die aber doch von jetzt auf gleich unser Leben völlig umkrempeln können.
Und für jede Krise darf ich dankbar sein, auch wenn es oft zu viele waren und auch wenn es dadurch gefühlt nur noch das Überleben gab. Die Krisen waren notwendig, meinen Kummer, meine Sorgen und die vermeindlichen Probleme neu zu bewerten, sie zu drehen und zu beleuchten, von oben und unten, von rechts und links, und in dieser Zeit der Ruhe für mich selbst zu erkennen, dass nicht nur ein Weg die Sackgasse aufzeigte, sondern dass ich die Wahl hatte, immer wieder neu zu wählen. Dadurch formten sich Lösungswege, mindestens zwei, aus denen wieder neue entstanden, die es wert waren, betreten zu werden, nicht von vornherein als Irrweg abzutun, sondern sich zu trauen, auch wenn sie wie Trampelpfade aussahen. Immer noch besser, als die zuvor fast schon einfachere Überlebensstraße.
Ein Kollege hat sich in der letzten Woche das Leben genommen im Alter von 49 Jahren.
Ich kannte ihn nicht, aber das muss ich auch nicht, um darüber traurig zu sein.
Auch Robert Enke kannte ich nicht, trotzdem fand ich es entsetzlich, dass ein junger Mann nur diesen einen Ausweg für sich sah.
Wenn diese verzweifelten Menschen nur einmal die Chance gehabt hätten, mit meinen Augen sehen zu können, ich hätte sie ihnen geliehen und ihnen unsere schöne Welt gezeigt. Ich hätte ihnen so gerne gesagt, dass es sich nicht lohnt, an Tränen zu ersticken, die sie meinten, nicht weinen zu dürfen, sondern das Weinen unendlich heilsam sein kann. Hätten sie sich vielleicht noch ein bisschen Zeit genommen, um zu erkennen, dass jeder Mensch die Wahl hat, sich den angeblich gesunden Normalen zu stellen und sich selbst als außergewöhnlich, aber nicht krank, anzunehmen?
Muss in dieser Minute ein lebensbejahender Mensch sterben? Sitzt die Familie um ihn herum und weint? Oder ist gerade wieder ein Mensch im Kampf ums Überleben auf den Weg in den Tod?
Wir leben im Zeitalter der unbegrenzten Kommunikation und trotzdem ist es manchen Außergewöhnlichen nicht möglich, ihr Innerstes nach außen zu kehren, sich mitzuteilen und um Hilfe zu rufen!
Wie unbeschreiblich trostlos ist das nur!
Heide