Zu Cool f�r Internet Explorer

Meine Hortensie

Geschrieben am 25.04.10 von Heide. Kommentar (0).

Ein schöner Abend am Meer, eine wunderbare Aussicht.

Ich höre ihr zu, sie erzählt ihr Leben, welches ich so gut kenne, und sie zählt auf, was sie alles besitzt, wie hoch ihre Rente sein wird, was für einen guten Ehemann sie hat, und dass ihre Mutter bis zuletzt noch Auto fuhr, und dass sie viel geerbt hat und dazwischen kommen dann ausdruckstarke negative Lebenserfahrungen, die immer wieder in Besitz und vermeindlichem Glücklichsein enden.

Und während ich zuhöre, denke ich, wovon sie wohl redet? Materiell ging es in ihrer Familie schon immer zu, das schien bald das wichtigste im Leben zu sein. Lieb ist sie allemal, aber wen meint sie denn mit gutem Ehemann? Mir fallen sofort all die verzweifelten Situationen ein, denen sie ausgesetzt war. Ihre Mutter war zum Schluß eigentlich nur noch eine Gefahr für den Straßenverkehr, letztendlich war das Auto mehr verunfallt als fahrtüchtig und als lieb würde ich diese Dame auch nicht gerade bezeichnen. Und ihr Sohn? Ein Problemfall ohne Ende.

Und so erzählt sie und dann plötzlich kommt: “Naja, Du hattest ja auch ein Scheißleben und besitzt gar nichts.”

Ich sehe sie an und bin total erstaunt, nein, nicht geschockt oder irgendwie wütend, sondern nur erstaunt über ihre Sicht meines Lebens.

Ich: “Ein Scheißleben? Als meine Mutter in Krisen steckte, war ich für sie da, als ich in Krisen steckte, war sie für mich da. Ja, das Leben war zum Schluss nicht leicht mit ihr, aber ich, ich habe den besten Sohn, den man sich nur wünschen kann, nie ein Problemkind, nie ein Schuleschwänzer, Abitur und klasse Job, geht fantastisch seinen Weg. Mein Beruf ist zum zweiten Lebensinhalt geworden, in dem ich mich unglaublich entwickeln konnte. Und ich habe eine tolle Schwester und allerliebste Nichte.”

Sie: “Ja, gut, aber dass Du kein Auto mehr fährst. Da ist doch ganz schlimm, da verlierst Du doch die Fahrpraxis.”

Ich: “Eines geht nur, ich bezahle die Heimkosten für Mutter, da ist kein Geld mehr für ein Auto drin.”

Sie: “Aber ein Auto braucht man doch, das ist doch so wichtig.”

Ich: “Wie gesagt, es geht ja nur eins! Und außerdem habe ich gelernt, zuzuhören!”

Und das überhört sie auch mit den Worten: “Ja, aber ein Auto, das muss wirklich sein.”

Wieder in meiner Wohnung dachte ich nochmals darüber nach und wenn sie zugehört hätte, hätte ich ihr von meinem wunderschönen Besitz erzählen können, nämlich von meiner Hortensie auf dem Balkon.

Im letzten September habe ich sie mir gekauft. Sie blühte spät und trug wunderschöne weiße Blüten. Mir wurde gesagt, wenn die Blüten braun sind, sollte ich sie abschneiden, damit die Pflanze den Winter überleben kann. Ganz fest hatte ich mir das vorgenommen, aber ich sah zu, wie sie braun wurde, nur die Blüten schnitt ich nicht ab.

Und so hatte ich sie abgehakt, mich ein bisschen über mich selbst geärgert, aber zu mehr reichte es nicht.

Kurz vor Ostern wollte ich ein paar Ostereier auf den Balkon hängen, sah die braunen Blüten und nahm endlich die Schere in die Hand, um diese abzuschneiden.
“Eigentlich überflüssig,” dachte ich noch. Aber nach ein paar Tagen und wenigen Sonnenstrahlen zeigten sich erste zarte Blätter an den braunen Stengeln und seitdem lebt der Hortensienbusch, dass es eine wahre Freude ist.
Was für eine Kraft hat so eine Pflanze und wie dankbar streckt sie sich dem Leben entgegen.

Ich besitze eine wunderschöne Hortensie, die mir verziehen hat und der Meinung ist, für mich so herrlich grün zu strahlen.

Und außer der Hortensie besitze ich noch sehr viel mehr, nämlich innere Zufriedenheit und ein richtig erfülltes Leben.

All das hätte ich ihr gerne erzählt, aber es wäre im Nirvana verpufft, denn es scheint zu viel Müll im Luxushirn zu sein, kein Platz mehr für wirklich Großartiges, welches mit Recht erwähnenswert ist.

Heide

Schreiben Sie eine Antwort:

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>