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Es war einmal…

Geschrieben am 17.06.10 von Heide. Kommentar (0).

Trotz aller Alltagshektik und ungesundem Lebensstress gibt es auch kraft- u. energieschöpfende Lebensmomente, die sich durchaus auch einen ganzen Tag lang halten können.

Früher bezeichnete ich diese sicherlich als gähnend langweilig, heute genieße ich sie umsomehr.

Weil sie selten sind und dafür unbezahlbar, weil ich mich nicht daran gewöhnen kann, weil sie nicht heraufzubeschwören sind, sondern weil ich lerne, sie selbst zu erkennen, sie anzunehmen, zu beobachten, zu fühlen, zu beschreiben.

In letzter Zeit bin ich so reisemüde geworden. Gefühlte Jahrzehnte lebte ich aus Koffern, in verschiedenen Wohnungen verschiedene Leben. Konkret habe ich mich nicht entschlossen, reisemüde zu werden. Irgendwann fand ich neue Lösungswege, meine Aufenthalte außerhalb des eigenen Nestes einzuschränken.

So fahre ich seit einiger Zeit nur noch tagsüber zu meiner Mam ins Pflegeheim.
Bedeutet morgens um 8 Uhr die Bahn nehmen. Ankunft 10.27 Uhr, dann kurz leckere Dinge für Mam einkaufen und sie damit in ihrem Zimmer zu überraschen.
Ich klopfe an, trete ein und jedesmal schaut sie verwundert auf, weil sie die Zeit vergißt, weil sie nicht mehr weiß, dass ihr am Abend zuvor am Telefon mein Besuch angekündigt worden war.
So ist sie immer wieder überrascht und freudig erregt.
Es gibt dann ein großes Frühstück, viel Geklecker, aber egal. Und nachdem sie ihre Mittagstablette eingenommen hat, wird sie müde und ich auch.

Seitdem scheint es ein Ritual zu werden, sie scheint regelrecht darauf zu warten, dass ich sage:
“Ach Mam, ich werde richtig müde.” Und sie antwortet: “Dann leg Dich doch auf mein Bett, ich passe auf Dich auf!”
Und ich lege mich auf ihr Bett, sie rollt umständlich mit ihrem Rollstuhl heran und versucht, mich mit einer leichten Decke zuzudecken. Eigentlich mehr eine Geste, unbeholfen und zittrig, aber ich helfe ihr und ihre Augen leuchten. Dann streicht sie nochmal zärtlich über die Decke und ehe ich einschlafen kann, schläft sie schon, fast noch in der letzten Bewegung vor dem Tiefschlaf.

Und ich schaue mich im ruhigen Zimmer um, welches so herrlich hell und sonnig ist, so gar nicht nach Altenheim ausschaut.

In dem Moment ist das Gefühl plötzlich da, das “Es war einmal-Gefühl”, heimatsvertraut, geborgen irgendwie, so wie früher, als die Rollen noch vertauscht waren.

Und es gelingt mir immer mehr, nicht mehr Trauer über Vergangenes zu spüren, sondern dieses schon fast verloren geglaubte Empfinden festzuhalten und abzuspeichern.

Erwachsen bin ich, aber auch noch Kind genug, um nicht zu vergessen, wie schön die Kinderzeit doch war.

Hab’ Dank für alles, Mam!

Heide

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